Open Ship

Open Ship

Ich bin als Süddeutscher ja sehr gerne mal im Norden, lasse mir den allzu gedankenverstopften Kopf vom Wind ein bißchen durchpusten. Der Blick wird weiter, wenn man ihn über die See schweifen lässt.

Rüm Hart, Klaar Kimming, wie die Nordfriesen das mit vier Worten auf den Punkt bringen.

Aber auch bei den Holsten, auf der anderen Seite des Nord-Ostsee-Kanals, kann man sich wohlfühlen und die Seele auftanken. Ich als passionierte Landratte bin dabei eher am Ufer als auf dem Wasser zu finden, kann es aber gut nachvollziehen, warum Menschen Segelsport betreiben. Mir fehlt dazu außer dem Kleingeld (für ein Dinghi würde es vielleicht reichen?) auch die Seefestigkeit, fürchte ich.

Im Mai 2026 sind wir (die Liebe meines Lebens und ich) auf jeden Fall wieder unterwegs am auf Landkarten oberen Rand Deutschlands und wie immer werde ich zwangsläufig einem der stets einsatzbereiten Fahrzeuge der DGzRS begegnen. Na klar, ein 28m-Kreuzer wäre nicht schlecht, wegen Details und so. Aber es wird besser: Auf der Tagestour nach Hamburg beschließe ich, doch den Umweg auf mich zu nehmen und mal in Laboe vorbeizufahren, wo das Vorbild meines Modells seinen Liegeplatz hat.

Tatsächlich präsentiert sie sich da frisch werftgepflegt, gerade zehn Jahre alt geworden und wie alle Seenotretter-Schiffe stets wie aus dem Ei gepellt…

Leider ist aber nicht näher als von der anderen Hafenseite ranzukommen, der Südpier ist „off limits“. Aber das Infozentrum der Seenotretter hat offen, was erwarteterweise zu gut gelaunten Gesprächen führt – und zu der Information, dass an Vatertag ein Vortrag über die Seenotretter mit anschließendem „Open Ship“ auf der Berlin ist.

Selbstverständlich nehmen wir den Weg noch einmal auf uns und stehen zur rechten Zeit am Schiff – leider etwas zu spät für den Vortrag, was nachher zu kurzen Irritationen bei den Ehrenamtlichen führt, die aber schnell überwunden sind.

Und dann – endlich mal an Bord des Objektes meiner modellbauerischen Begierde. Die Zeit ist natürlich viel zu kurz für alle Details, alle Fragen, alle Winkel und Ecken, aber die Bereitschaft nicht aufgehoben, sodaß jederzeit ein Einsatz die Veranstaltung beenden könnte. Es ist ein Privileg, dieses Schiff einfach so betreten zu dürfen – das sollte man nie aus den Augen verlieren.

Die Kieler Förde bleibt aber ruhig, das Wetter freundlich, draußen tutet sich ein Feeder schon die Segelboote zurecht, bevor es zu Kalamitäten kommt. Niemand, der gerade Hilfe bräuchte. Genug Zeit für ein paar gute Gespräche mit der Besatzung. Und es wird auch klar: Seenotretter ist kein Beruf, sondern eine Berufung.

Der junge zweite Vormann führt mir die jetzt völlig neuen, besser vernetzten Navigationssysteme vor – und die Kamera am Mast, die tatsächlich in der Lage ist, von Laboe aus Ute im Bikini auf der anderen Seite der Förde, fast 2 km entfernt, in knackscharfer Qualität und formatfüllend auf dem Bildschirm zu zaubern!

(Bevor hier falsche Ideen aufkommen: „Ute im Bikini“ ist eine empfehlenswerte Ausflugsgaststätte am Falckensteiner Strand.)

Beim anschließenden Schnack mit dem Vormann (den ich aus der Seenotretter-Doku noch von der „Kramer“ kenne) geht es dann um die neu projektierten Rettungskreuzer, ob es besser ist an Land Bereitschaft zu schieben oder an Bord des Kreuzers (der Trend der „Gesellschaft“ geht ja zur Landbereitschaft) und um die Unterschiede zwischen Nordsee und Ostsee.

Ist „Nordsee-Mordsee“ wirklich richtig oder übertrieben? Die Antwort ist knochentrocken und doch spürt man, dass es dem Seenotretter alles andere als einerlei ist: Die DGzRS-Leute, die draußen geblieben sind, sagt er, sind alle auf der Nordsee geblieben.

Was die Frage des Wohnens auf dem Kreuzer angeht, gefällt mir die Grundeinstellung des Vormannes – Unvoreingenommenheit: Man wird sehen. Es wird ja erstmal mit einem Schiff erprobt und vieles wird sich zeigen. Und es bringt ja schon Platz auf dem Kreuzer für wichtige Dinge. Der Liegeplatz darf nur nicht zu weit weg von der Unterkunft sein, denn dann verliert man den „direkten Draht“ zum Schiff. Aber niemals nie sagen – beim Heckfahrstand der 28m-Schiffe scheiden sich ja auch die Geister, er fand ihn erst auch einigermaßen überflüssig, aber dann kam die Situation, in der alles gepasst hat und der Heckfahrstand sich für ihn als unverzichtbare Bedieneinheit bewährt hat. Seitdem ist er ein echter Fan der roten Kiste unter dem vergitterten Fenster.

Viel zu schnell war die Veranstaltung vorbei, aber ich hatte die Gelegenheit, sehr interessante Gespräche mit den DGzRS-Leuten zu führen und man hat auch ein paar Kontakte zu den nimmermüden Ehrenamtlern und der DGzRS-Info Laboe knüpfen können.

Und eine neue DGzRS-Kappe habe ich mir auch gekauft, die alte hat letzten Sommer doch ganz schön gelitten.

Für alle anderen Modellbauer, die sich wie ich an einem 28m-Kreuzer versuchen, gibt es unten noch ein paar Detailbilder. Die Schiffe verändern allerdings ihr Erscheinungsbild permanent, so hat die BERLIN zum Beispiel beim Anfang des Jahres stattgefundenen Werftbesuch komplett neue, sehr kompakte LED-Lampen für die Nautische Beleuchtung bekommen, einen neuen Ausleger für das Rettungsnetz nebst Winde und ein paar neue Antennen, von denen die beidseitig am Mast angebrachten Long-Range-Datennetz-Antennen die auffälligsten sind. Die Brücke ist mit neuen Geräten versehen, für bessere Stabilität des Schiffes wurden unter anderem die Ruderblätter vergrößert, was einen halben Knoten Endgeschwindigkeit gekostet, die Fahreigenschaften aber eindeutig verbessert hat.

Dumm dabei, dass ich gerade erst die Brücke komplett und den Mast fast fertiggestellt habe… aber das bleibt jetzt so, es ist unmöglich, der permanenten Evolution dieser rein zweckmäßigen Schiffe nachzurennen. Am Ende zählt das Gesamtbild, oder wie der Vormann es ausdrückte:

„Aus zwei Metern Entfernung sieht das an dem Modell kein Mensch…“

Ganz ehrlich: Der Mann hat im Grunde recht…. auch wenn wir Modellbauer es oft auf die Spitze treiben, am Ende zählt halt doch die vielgescholtene „Gesamtanmutung“ – und der Zuschauer am Ufer sieht den Unterschied zwischen alter und neuer Nautischer Beleuchtung eher nicht.

Interessanterweise ist es auch so, dass gerade das „Detailfinish“ am Original eher entspannt rüberkommt, da sind wir Modellbauer manchmal etwas zu penibel. Schaut man sich zum Beispiel die Farbkante zu den Scheuerleisten am Rumpf an, dann sind dieselben alles andere als perfekt – warum auch? Niemand auf einem sinkenden Schiff wird sich der Seenotrettung verweigern, nur weil eine Farbkante am Seenotkreuzer nicht messerscharf ist. Die BERLIN ist und bleibt ein Werkzeug und das muss erstmal funktionieren, Ästhetik ist – wenn überhaupt – nur ein zufälliges Nebenprodukt. (Na gut, sie ist weißgott kein häßliches Schiff…).

Wer die Bilder (und ein paar zusätzliche…) in „ganz groß“ benötigt, kann sie hier in voller Auflösung runterladen.

2 Kommentare zu „Open Ship

  1. Hallo Harald,
    mit Begeisterung lese ich wieder deinen aktuellen Bericht zur Berlin und der DGzRS. Ich beneide Dich um den Besuch AUF der Berlin. Wir sind Mitte Juni im Urlaub in der Nähe von Kappeln und unser Besuch in Laboe soll ein fester Tagesordnungspunkt werden. Ein Besichtigungstermin auf dem Schiffe wäre natürlich der absolute Hammer gewesen…… Dafür werden wir wohl einen Monat zu spät da oben sein. Auf jeden Fall vielen Dank für die Detailaufnahmen.
    LG
    Martin

    1. Hallo Martin,
      wie immer bin ich wieder mal viel zu spät zum Aufarbeiten der Kommentare (sprich: 99% Spam wegwerfen…) gekommen. Besuche an Bord sind laut DGzRS ausschließlich im Rahmen solcher Veranstaltungen möglich. Das ist auch nachzuvollziehen, weil so ein Schiff ja 24/7 einsatzbereit ist und man natürlich im Falle eines Einsatzes dann erstmal die Gäste „von Bord werfen“ müsste. Wir hatten unglaubliches Glück, dass der Termin genau in der Woche war, in der wir in der Nähe waren und wir unser Programm auch so umstellen konnten, die Veranstaltung wahrzunehmen (am Tag vorher hatten wir z.B. Karten fürs Miniaturwunderland in Hamburg, da wäre also nichts gegangen).
      Ich hoffe, Ihr hattet trotzdem einen schönen Urlaub und konntet zumindest einen Blick auf den/einen Kreuzer werfen. Die BERLIN liegt in Laboe ja sehr prominent mitten im Hafen, aber die Mole selbst ist off-limits…
      LG
      Harald

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